Интервью профессора Рольфа Франкенбергера

23 октября 2008

Интервью профессора Рольфа Франкенбергера

Рольф ФранкенбергерПрофессор Рольф Франкенбергер из университета Тюбингена (ФРГ) прочел курс лекций для студентов Факультета политологии.

Interview mit Dr. Rolf Frankenberger

Contact:
Dr. Rolf Frankenberger
University of Tübingen
Institute for Political Science
Melanchthonstr.36
D-72074 Tübingen
E-mail: rolf.frankenberger@gmx.net

Dr. Rolf Frankenberger ist akademischer Mitarbeiter (/Assistent Professor) für Politikwissenschaft am Institut für Politikwissenschaft der Universität Tübingen. Seine Forschungsinteressen sind Transformations- und Demokratietheorien, Theorien zu Macht und Herrschaft, Postmoderne Theorien und Gesellschaftlicher Wandel in hochentwickelten Gesellschaften, Russland und der Postsowjetische Raum. Im Moment arbeitet er über das politische System Russlands und insbesondere die Funktionen von Wahlen und Parteien in autoritären Systemen. Darüber hinaus hat Dr. Frankenberger einen Schwerpunkt in den Themen Studienprogrammentwicklung, Bologna-Prozess und Hochschuldidaktik.

Was haben Sie von Ihrem Besuch in Russland erwartet? Wie haben Sie sich die Entwicklung von Bologna Prozess in Russland vorgestellt? Was war für Sie neu? Welche Eindrücke haben Sie nach Ihrer Vorlesung von den russischen Studenten?

Über meine Reise nach Russland hatte ich im Vorfeld keine speziellen Erwartungen, freute mich jedoch auf die Zusammenarbeit mit den russischen Kolleginnen und Kollegen. Von besonderem Interesse war für mich zum einen die Möglichkeit, mehr über die Lehr- und Lernkultur in Russland zu erfahren und einen aktiven Beitrag zur Weiterentwicklung von Studienprogrammen zu leisten. Zum anderen war die Einladung der MGIMO-Universität eine gute Möglichkeit, meinen Forschungsinteressen – die Entwicklugn des politischen Systems Russlands – nachzugehen und mit einigen Experten zu sprechen.

In der Vorbereitung der Reise hatte ich mich intensiv mit der Implementierung der Bologna-Kriterien in Russland auseinandergesetzt. Insofern waren die meisten sachlichen Informationen, die ich in persönlichen Gesprächen erhielt, nicht neu. Interessanterweise wurde in Russland von Anfang an einen vierjährigen Bachelor und einen zweijährigen Master implementiert, eine Variante, die in Deutschland inzwischen auch diskutiert wird. Ich war jedoch etwas erstaunt über die überaus orthodoxe Handhabung der Kriterien zumindest auf dem Papier. Hier erscheint mir ein gewisser Lernprozess und etwas mehr Flexibilität auf russischer Seite nötig, auf der anderen Seite würde deutschen und anderen Universitäten ein wenig mehr Orthodoxie nicht schaden. Skeptisch bin ich in Hinblick auf die Qualität der Akkreditierung und der Qualitätssicherung, dies jedoch ist mehr ein subjektiver Eindruck denn eine empirisch belegbare Tatsache.

Die Studierenden in meinen Vorlesungen waren im 2. bzw. 3. Studienjahr. Sie hatten offensichtlich eine sehr gute Sprachausbildung und wohl auch eine grundsolide Ausbildung in Theorien und Ansätzen in der Politikwissenschaft genossen und schienen den englischsprachigen Vorlesungen gut folgen zu können. Insgesamt hätten die Vorlesungen etwas interaktiver sein können, was jedoch nicht an der mangelnden Gelegenheit, sondern eher an der Zurückhaltung der Studierenden lag.

Welche Themen in Politikwissenschaft halten Sie für aktuell?

Das ist eine sehr umfassende Frage, die hier in aller Kü

rze kaum beantwortet werden kann. Selbstverständlich sind es die Themen, mit denen ich mich beschäftige… Aber im Ernst, ich denke, dass die theoriegeleitete und wertneutrale Analyse politischer Systeme, deren Strukturen und Funktionen, Akteure und Prozesse von entscheidender Bedeutung für das Verständnis politischer Entwicklungen ist. Trotz intensiver Forschung in diesem Bereich besteht nach wie vor ein substantieller Bedarf in dieser Hinsicht. Dies betrifft insbesondere die Erforschung von autoritären politischen Systemen.  Ein zweiter zentraler Punkt ist mit Sicherheit die Analyse der Internationalen Beziehungen, wenngleich diese etwas weniger theoriegeleitet und dafür um so mehr an der Phänomenologie der realen Welt orientiert sein könnte. Und nicht zuletzt erachte ich die Politische Psychologie und Kulturforschung für einen zentralen Schlüssel zum Verständnis des politischen Lebens auf allen Analyseebenen. Es sollte nicht vergessen werden, dass Macht- und Herrschaftsbeziehungen und –strukturen ebenso wie ökonomische Prozesse in erster Linie Auswirkungen auf das Leben von Menschen, deren Selbstverständnis und deren interindividuellen Beziehungen haben.

Was war für Sie neu in der Einschätzung der Russischen Politik nach dem Austausch mit Ihren russischen Kollegen?

Nichts!

Was soll ein moderner Dozent können? Welche Unterschiede sehen Sie im Unterrichtsstil zwischen russischen und deutschen Kollegen? Welche neue Lehrmethoden und -techniken wären für Ihren russischen Kollegen wichtig?

Ich denke, dass ein moderner Dozent neben wissenschaftlicher Exzellenz  vor allem eines braucht: Interesse und Freude daran, sein Wissen weiterzugeben und mit Studierenden zusammenzuarbeiten. Das ist nicht jedem in die Wiege gelegt, aber es gibt zumindest die Möglichkeit, sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die es ermöglichen, auch bei mangelnder Freude und Interesse  eine vernünftige und für die Studierenden gewinnbringende Lehre zu machen.

Was den Unterrichtsstil russischer Kollegen angeht, kann ich nur auf deren Selbstbeschreibungen zurückgreifen. Es scheint hier wie auch anderso zwei Typen zu geben: Diejenigen, die vergleichsweise gerne lehren und die, denen die Lehre eher Kopfschmerzen bereitet oder eine Last ist. Neben einer generell sehr stark frontal ausgerichtetn Lehrtradition scheinen die Unterschiede vor allem darin begründet, welche Erfahrungen die Dozenten selbst gesammelt haben. Es scheint substantielle Unterschiede hinsichtlich der Variabilität von Lehrmethoden zu geben zwischen Dozenten, die selbst im Ausland studiert oder gelehrt haben, und denen, die diese Erfahrung nicht haben. Erstere scheinen eine ganze Reihe von Methoden und Lehransätzen in ihre Lehre integriert zu haben.

Generell würde ich sagen, dass eine grundlegende didaktisch-methodologische Aus- oder Weiterbildung allen Dozenten gut tun würde, egal ob in Russland oder Deutschland. Dies beinhaltet vor allem so genannte aktivierende Methoden und Ansätze experimentellen oder forschenden Lernens. Solche Ansätze sind mir in den Gesprächen mit den Dozenten nur selten begegnet. Es erscheint mir zentral, dass Dozenten über ein repertoire an Lehrmethoden verfügen, das es ihnen erlaubt, unterschiedliche Lehr-/Lernziele mit unterschiedlichen Methoden bzw. identische Lehr-/Lernziele mit unterschiedlichen Methoden zu erreichen.

Vielen Dank für das Gespräch.


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