Amerika als Sisyphus: «Der Stein der globalen Führung droht hinunterzurollen»

15.09.16

Amerika als Sisyphus: «Der Stein der globalen Führung droht hinunterzurollen»

Эксперты МГИМО: Сафранчук Иван Алексеевич, к.полит.н.

Mit ihren Bemühungen, die Weltführung zu behalten, ähneln die Vereinigten Staaten dem mythologischen Sisyphus. Diese Metapher bringt ein russischer Politik-Experte in einem Gastbeitrag für das Magazin «Russia in Global Affairs». Er prognostiziert, wie sich die Situation nach der US-Präsidentschaftswahl ändern könnte.

Iwan Safrantschuk, Dozent an der Moskauer Diplomaten-Uni MGIMO, bezieht sich in seinem Beitrag auf den altgriechischen Mythos, wonach Sisyphus den Todesgott fesseln wollte, um ein ewiges Leben zu erreichen, zur Strafe jedoch einen riesigen Stein immer wieder einen Berg hinauswälzen musste.

«Die US-Intellektuellen taten ungefähr dasselbe. Sie fesselten die Geschichte, um den amerikanischen Triumph von Ende der 1980er Jahre zu verewigen. Zwar konnte die Geschichte für eine kurze Zeit gestoppt bzw. verlangsamt werden, doch dann wurde sie wieder frei — und wir beobachteten eine neue Spirale der geopolitischen, wirtschaftlichen und ideologischen Konkurrenz weltweit», schreibt Safrantschuk.

«Amerika fesselte unterdessen sich selbst mit der Aufgabe, den riesigen Stein der globalen Führung an der Bergspitze der Weltpolitik aufzuhalten. Der Stein droht aber immerzu, sich loszulösen und am rutschigen Hang hinunterzurollen», so die Metapher.

Nun scheine Donald Trump mit seinem Appell an den gesunden Menschenverstand bereit zu sein, eine simple und rationelle Erklärung für diese freiwillige Bürde zu fordern und den titanischen Bemühungen der USA ein Ende zu setzen, hieß es.

«Um kein Sisyphus mehr zu sein, könnte Trump den Stein der Weltführung einfach loslassen oder in eine bestimmte Richtung zusätzlich stoßen. Dies würde für eine Verwirrung in der US-Außenpolitik sorgen. Der Kreml wird sich mit Sicherheit etwas einfallen lassen, um davon Gebrauch zu machen», prognostiziert Safrantschuk. Aus der Verwirrung der USA könne sich zudem eine regionale oder sogar eine breitere Destabilisierung resultieren.

Falls jedoch Hillary Clinton die Wahl gewinne, werde sie wahrscheinlich so tun, als ob sie überhaupt kein Sisyphus wäre: «Vom praktischen Standpunkt aus wird ein solches Amerika schwächer sein, obwohl seine Rhetorik lauter und härter klingen könnte. Die Supermacht wird sich weiterhin mit der unerfüllbaren Aufgabe oben abrackern, während man unten mehr Freiheit bekommt. Die USA werden möglicherweise sogar mit den anderen kooperieren müssen, damit diese keine unangenehmen Fragen stellen».

«Letztendlich wird Amerika dann zu einer Geisel seines eigenen Aufenthalts an der Spitze, anstatt von dort aus alle zu steuern. Seine Opponenten bekommen dadurch viele praktische Möglichkeiten bei einem minimalen Risiko», so die Prognose für Clintons Sieg.

Generell schreibt Safrantschuk zum Schluss: «Im Namen seiner Exklusivität versucht Amerika, über den Rahmen der geschichtlichen Gesetzmäßigkeiten hinauszugehen, obwohl etwas ganz Anderes nötig wäre, und zwar eine Zusammenarbeit normaler, aber kluger Großmächte, um eine Weltordnung aufzubauen und Fortschritte der Menschheit zu sichern».

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Источник: Sputnik
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